Elisabeth Hering
geboren am 30. Mai 1884 in Gelsenkirchen
gestorben am 28. September 1944 in Auschwitz
Elisabeth Hering wurde 1884 in Gelsenkirchen geboren und entstammte einer Bergmannsfamilie. Als sie in den 1910er Jahren nach Bremen kam, arbeitete sie als Verkäuferin im Textilbereich. Aus einer früheren Beziehung war eine Tochter hervorgegangen. Ab 1925 führte sie ein eigenes Textilgeschäft.
Um 1924 hatte sie Walter Steinberg kennengelernt. 1871 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Verden geboren, hatte er sich in Bremen als erfolgreicher Herrenschneidermeister etabliert.
Beide wurden und blieben ein Paar. Ab 1926 verbrachten sie viele Wochenenden in Worpswede, wo Walter Steinberg ein Sommerhaus mit angrenzendem privaten Tennisplatz in der Hembergstraße erworben hatte. Zahllose Tennispartien mit Worpsweder Freundinnen und Freunden fanden dort statt. Als Kunstkenner und Mäzen pflegte Walter Steinberg Kontakte zu Kunstschaffenden am Ort und erweiterte beständig seine wertvolle Kunstsammlung. Anzunehmen ist, dass auch Elisabeth Hering in dieser Zeit mit dem Erwerb von Kunst begonnen hatte und die Sammlung erweiterte.
Vermutlich war es 1933, als Elisabeth Hering zu Walter Steinberg in dessen Bremer Wohnung zog. Über Heiratspläne ist nichts bekannt, jedoch hätten die „Nürnberger Rassengesetze“ von 1935 ohnehin nicht nur eine Heirat unmöglich gemacht. Die Gesetze verboten ihre Partnerschaft grundsätzlich als sogenannte „Rassenschande“, weshalb das Paar in ständiger Bedrohung lebte.
Walter Steinberg traf die NS-Politik mit voller Härte. Zu den unzähligen antisemitischen Repressionen kamen die sogenannten »Judenboykotte« – auch gegen seine Schneiderei. Die Zahl der anfangs noch dreißig Angestellten verringerte sich zusehends.
In der Reichspogromnacht am 09. November 1938 wurde nicht nur Walter Steinbergs Bremer Geschäft schwer beschädigt, er wurde auch verhaftet, einen Tag später ins Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt und dort für mehrere Wochen inhaftiert.
Er überschrieb Elisabeth Hering sein Bremer Geschäfts- und Wohnhaus Am Wall 170. Auch das Worpsweder Haus wollte er noch an sie übertragen. Dies gelang jedoch nicht. Die NS-Behörden erkannten den zu diesem Zweck aufgesetzten Kaufvertrag nicht mehr an. Auch ein privater Schenkungsvertrag blieb wirkungslos.
Am 23. Juli 1942 wurde Walter Steinberg nach Theresienstadt deportiert. Dort nahm er sich eine Woche nach seiner Ankunft das Leben.
In Elisabeth Herings Wohnung in Bremen, in der sie nun allein lebte, fand am 23. Juli 1943 eine Versammlung mit insgesamt sieben Personen statt – am gleichen Tag, an dem Walter Steinberg genau ein Jahr zuvor deportiert worden war. Die Gestapo verhaftete alle Anwesenden.
Bei der Frage, wer die Versammlung verraten hatte, deutet alles auf eine Denunzierung durch die mutmaßliche Gestapo-Agentin Martha Ballach hin. Diese verfolgte das Interesse, Elisabeth Herings gut gehendes Textilgeschäft Am Wall zu übernehmen, wovon eine bei ihr angestellte Verkäuferin namens Herta Kahl ebenfalls würde profitieren können. Letztere hatte eine Liebesbeziehung mit dem SS- und SD-Funktionsträger Hermann Soeken. Die Strategie dieser Denunziation ging auf. Martha Ballach übernahm das Ladengeschäft von Elisabeth Hering, in dem nun auch der Bremer »Judenreferent« Bruno Nette und seine Gattin einkauften.
„Judenreferent“ Nette verfolgte die Denunzierten gnadenlos. Elisabeth Hering warf man unter anderem vor, den „Verkehr von Ariern mit Juden“ ermöglicht zu haben. Dazu kam der Vorwurf, Eigentum eines Juden bei sich verwahrt zu haben – das noch verbliebene Hab und Gut ihres deportierten Lebensgefährten Walter Steinberg. Hinter der Anklage jedoch stand der Verdacht politisch-oppositioneller Haltung.
Hugo Hering, der Bruder von Elisabeth Hering, beschrieb die damalige Situation nach der Verhaftung seiner Schwester rückblickend so:
„Ich selbst bin dann sofort nach der Verhaftung meiner Schwester […] nach Bremen gefahren, um an Ort und Stelle zu versuchen, für meine Schwester noch einzutreten und nach Möglichkeit auch ihr Vermögen sicherzustellen. Das ist mir damals leider nicht gelungen. Ich hatte keinerlei Zutritt mehr zu der Wohnung meiner Schwester. Man hatte mich […] benachrichtigen lassen zwecks Abholung von Familienbildern und Familienandenken. Zu diesem Zweck erhielt ich Zutritt zu einem Raum im Erdgeschoss, Am Wall 170, wo die sämtlichen Gemälde meiner Schwester und des Herrn Walter Steinberg zusammengetragen waren.
Nach meiner Schätzung waren hier ca. 270 Gemälde zusammengetragen und zwar sowohl größere als auch kleinere. Mir wurde dann von dem Gestapo-Beamten Nette, der die Aktion durchgeführt hatte, später mitgeteilt, dass sämtliche Gemälde wie auch der beschlagnahmte Hausrat öffentlich versteigert worden sind.“
Ganz Ähnliches spielte sich in Worpswede ab. Auch hier wurde die Kunstsammlung Elisabeth Herings und Walter Steinbergs öffentlich versteigert. Das komplette Wohninventar wurde einem „bombengeschädigten Herrn R., Bremen“ übereignet. Das Worpsweder Wohnhaus war von den Bremer NS-Behörden bereits ein Jahr zuvor, kurz nach Walter Steinbergs Deportation, beschlagnahmt worden. 1944 erfolgte die Übertragung des Hauses an die Gemeinde Worpswede zwecks Einrichtung einer Dienstwohnung für den Bürgermeister.
Elisabeth Hering wurde nach ihrer Verhaftung in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert, vermutlich als „politischer Häftling“. Sie starb dort am 28. September 1944.
Am Wall 170 in Bremen wurde für Elisabeth Hering ein Stolperstein verlegt!
Text: Barbara Millies (2025)
Quellen:
Hugo Hering am 28.05.1959.10 StA Stade, Rep. 171 Verden NR. 173
Anning Lehmensiek: Juden in Worpswede. Donat Verlag, Bremen 2014
Barbara Millies: Inmitten. Spuren des Nationalsozialismus in Worpswede, heute. Kellner Verlag, Bremen 2021
Bernhard Nette: »Vergesst ja Nette nicht!« Der Bremer Polizist und Judenreferent Bruno Nette. VSA: Verlag, Hamburg 2017
Kornelia Renemann: Walter Steinberg, *1871. In: Stolpersteine Bremen 2015, URL: https://www.stolpersteine-bremen.de/detail.php?id=29 (abgerufen am 01. Dezember 2025)